Die
Bundesrepublik setzt sich bekanntlich aus 16 Bundesländern
zusammen und vielfältig ist infolgedessen die Zahl der Begriffe,
die zwar nicht identische, gleichwohl jedoch ähnliche
elementarpädagogische Vorhaben umschreiben sollen. Landauf,
landab werden derzeit als Konsequenz aus der PISA-Studie Bildungs- und
Erziehungspläne ebenso erarbeitet wie Rahmen- oder
Orientierungspläne, Leitlinien und Grundsätze
frühkindlicher Bildung, Bildungsprogramme, -leitfäden,
-empfehlungen und es werden Vereinbarungen geschlossen und Verordnungen
erlassen. Bei allen begrifflichen Differenzen herrscht große
Übereinstimmung darin, dass dem Bereich der mathematischen Bildung
ein ganz erheblicher Stellenwert beigemessen werden soll.
Die moderne Hirnforschung sagt uns, dass die Kindergartenzeit eine
enorm wichtige und wertvolle Zeit ist, in der das kindliche Gehirn eine
Entwicklung durchmacht, die den weiteren Lebensweg ganz entscheidend
prägen. Lernen ist nicht einfach das simple Auffüllen leerer
Speicherplätze. Die Inhalte schulischen Lernens werden später
in bereits bestehende Netze integriert, die in jungen Jahren angelegt
wurden. In diese Netze sind zum Beispiel auch Emotionen stets mit
eingewoben. Deshalb kommt es wesentlich darauf an, dass bereits im
Kindergarten positive Gefühle mit der Welt der Zahlen assoziiert
werden. Hier werden Kernstrukturen angelegt, die lebenslänglich
wirksam bleiben.
Sichtbare äußere Zeichen für den inneren Aufbau
neuronaler Strukturen sind die kindliche Neugier und das Interesse –
auch und besonders für Zahlen. Dabei kann berechtigt argumentiert
werden: „Wo viel ist, kann viel hinzu kommen!“ Wir wissen heute auch,
dass im Gehirn Gelerntes nur dann dauerhaft gespeichert wird, wenn das
jeweilige Lernen als befriedigend empfunden wurde.
In der Kindergartenzeit werden somit die Weichen für die gesamte
spätere Bildungsvita gestellt. Diese Zeit kann also sehr
sinnvoll zur – altersgerechten - Vorbereitung auf die Schule dienen und
helfen, mehr Kindern eine positive Ausgangsbasis zu verschaffen.
Ausgerechnet Mathematik?
Viele Pädagogen glauben, dass für Kinder unter sechs Jahren
der Umgang mit Mathematik aus entwicklungspsychologischen Gründen
eine Überforderung darstellt. Ein möglicher Grund
könnten die Thesen des 1980 verstorbenen Schweizer
Entwicklungspsychologen Jean Piaget sein. Piaget ging davon aus, dass
die kognitive Entwicklung bei Kindern in klar aufeinander folgenden
Stufen verläuft. Die Kindergartenzeit lässt sich nach Piaget
in die so genannte „voroperationale“ oder „präoperative“ Phase
zusammenfassen, die durch die Unfähigkeit beschrieben werden kann,
beim Erfassen der Welt mehrere Informationen miteinander logisch zu
verbinden bzw. zu kombinieren. Mit Mathematik, dem Inbegriff
menschlicher Logik und der Königsdisziplin abstrakter
Weltbeschreibung, könne man Kindergartenkinder, so eine eventuelle
Konsequenz, deshalb nur quälen und ihrer Kindheit berauben.
Bekannt sind hier vor allem Piagets geniale Experimente zum Begriff der
Invarianz, d.h. zur Unveränderlichkeit von Mengen oder
Größen. So behaupten etwa Kinder im voroperationalen
Kindergartenalter, dass eine Flüssigkeit, welche von einem hohen
Gefäß in ein flaches umgeschüttet wird, weniger wird.
Umgekehrt glauben diese Kinder auch, dass eng aneinander liegende
Perlen mehr werden, wenn sie auseinandergezogen werden.
Nun weiß man heute, dass die Antworten der Kinder sehr stark von
der Abstraktheit der Aufgaben- bzw. Fragestellungen mit bedingt wurden.
Würde man den Vorschulkindern beispielsweise anstatt Perlenreihen
Reihen aus Schokoladenstücken mit der Zusatzinformation anbieten,
auf diese Weise immer und überall die Menge an
Süßigkeiten vermehren zu können, die Kinder würden
den „Zaubertrick“ durchschauen.
Kinder sind also durchaus in der Lage, mathematische Zusammenhänge
zu durchschauen, allerdings aber nur dann, wenn die Inhalte in
konkreter Weise der Lebenswelt der Kinder entstammen. Nur so erfahren
sie einen Sinn. Deshalb ist zu fragen, wie die Lebenswelt der Kinder
unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten aussieht.
Kinder der Alterstufe von 3 bis 6 Jahren betrachten die Dinge um sich
herum wesentlich stärker emotional als rational und sie haben ihre
eigene, altersbedingte kognitive Erlebnis- und Denkweise. Daher kommt
es, dass sie Gegenständen Gefühle, Leben und Absichten
unterstellen. Die Dinge der kindlichen Umwelt sind entweder brav oder
böse, freundlich oder unfreundlich, sie schauen für das Kind
vertrauenerweckend oder beängstigend aus.
Kinder in diesem Alter sind außerdem vom magischen und
finalistischen Denken geprägt. Dabei werden Vorgänge, die
eine logische Ursache haben, als geheimnisvoll erlebt und so gedeutet,
als könne man sie durch Zauberei, durch Magie und - vor allem -
durch eigene Wünsche beeinflussen. Alles was geschieht hat einen
bestimmten Zweck oder verfolgt eine bestimmte Absicht.
Vor diesem entwicklungspsychologischen Hintergrund kann es beim Thema
„Mathematik im Kindergarten“ nicht darum gehen, Inhalte des
Grundschulunterrichts in typisch „fachlich orientierter“ Manier
vorwegzunehmen. Uns geht es vielmehr darum, Kindern einen
altersgemäßen Zugang zur Welt der Zahlen anzubieten.
Bisherige Konzepte der mathematischen Früherziehung entwickeln
ihre Ideen meist ausgehend von der Mathematik, erst danach wird nach
konkreten Anwendungen in der Lebenswelt der Kinder gesucht. Es gilt,
dieses Prinzip umzukehren, da die reine Mathematik eine eigene und sehr
nüchterne Logik hat, welche das kindliche Denken unserer Kinder
nicht berücksichtigt.
„Komm mit ins Zahlenland“ integriert deshalb ganz bewusst und
sorgfältig drei Bereiche: Erkenntnisse aus der Hirnforschung
(Neurodidaktik), entwicklungspsychologische Empfehlungen für die
Elementarpädagogik und Didaktik der Mathematik. Das
Besondere an diesem Ansatz ist, dass das Konzept konsequent vom Kind
her entwickelt wurde. Das bedeutet, es knüpft in jedem Detail
daran an, was Kinder in dem Alter schon kennen, wofür sie sich
interessieren und was sie bewegt.