Institut für vorschulisches Lernen - Komm mit ins Zahlenland - Barbara Schindelhauer


Die Motivation

PISA, Hirnforschung und Entwicklungspsychologie

Die Bundesrepublik setzt sich bekanntlich aus 16 Bundesländern zusammen und vielfältig ist infolgedessen die Zahl der Begriffe, die zwar nicht identische, gleichwohl jedoch ähnliche elementarpädagogische Vorhaben umschreiben sollen.  Landauf, landab werden derzeit als Konsequenz aus der PISA-Studie Bildungs- und Erziehungspläne ebenso erarbeitet wie Rahmen- oder Orientierungspläne, Leitlinien und Grundsätze frühkindlicher Bildung, Bildungsprogramme, -leitfäden, -empfehlungen und es werden Vereinbarungen geschlossen und Verordnungen erlassen. Bei allen begrifflichen Differenzen herrscht große Übereinstimmung darin, dass dem Bereich der mathematischen Bildung ein ganz erheblicher Stellenwert beigemessen werden soll.

Die moderne Hirnforschung sagt uns, dass die Kindergartenzeit eine enorm wichtige und wertvolle Zeit ist, in der das kindliche Gehirn eine Entwicklung durchmacht, die den weiteren Lebensweg ganz entscheidend prägen. Lernen ist nicht einfach das simple Auffüllen leerer Speicherplätze. Die Inhalte schulischen Lernens werden später in bereits bestehende Netze integriert, die in jungen Jahren angelegt wurden. In diese Netze sind zum Beispiel auch Emotionen stets mit eingewoben. Deshalb kommt es wesentlich darauf an, dass bereits im Kindergarten positive Gefühle mit der Welt der Zahlen assoziiert werden. Hier werden Kernstrukturen angelegt, die lebenslänglich wirksam bleiben.

Sichtbare äußere Zeichen für den inneren Aufbau neuronaler Strukturen sind die kindliche Neugier und das Interesse – auch und besonders für Zahlen. Dabei kann berechtigt argumentiert werden: „Wo viel ist, kann viel hinzu kommen!“ Wir wissen heute auch, dass im Gehirn Gelerntes nur dann dauerhaft gespeichert wird, wenn das jeweilige Lernen als befriedigend empfunden wurde.  

In der Kindergartenzeit werden somit die Weichen für die gesamte spätere Bildungsvita gestellt.  Diese Zeit kann also sehr sinnvoll zur – altersgerechten - Vorbereitung auf die Schule dienen und helfen, mehr Kindern eine positive Ausgangsbasis zu verschaffen.

Ausgerechnet Mathematik?

Viele Pädagogen glauben, dass für Kinder unter sechs Jahren der Umgang mit Mathematik aus entwicklungspsychologischen Gründen eine Überforderung darstellt. Ein möglicher Grund könnten die Thesen des 1980 verstorbenen Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget sein. Piaget ging davon aus, dass die kognitive Entwicklung bei Kindern in klar aufeinander folgenden Stufen verläuft. Die Kindergartenzeit lässt sich nach Piaget in die so genannte „voroperationale“ oder „präoperative“ Phase zusammenfassen, die durch die Unfähigkeit beschrieben werden kann, beim Erfassen der Welt mehrere Informationen miteinander logisch zu verbinden bzw. zu kombinieren. Mit Mathematik, dem Inbegriff menschlicher Logik und der Königsdisziplin abstrakter Weltbeschreibung, könne man Kindergartenkinder, so eine eventuelle Konsequenz, deshalb nur quälen und ihrer Kindheit berauben.

Bekannt sind hier vor allem Piagets geniale Experimente zum Begriff der Invarianz, d.h. zur Unveränderlichkeit von Mengen oder Größen. So behaupten etwa Kinder im voroperationalen Kindergartenalter, dass eine Flüssigkeit, welche von einem hohen Gefäß in ein flaches umgeschüttet wird, weniger wird. Umgekehrt glauben diese Kinder auch, dass eng aneinander liegende Perlen mehr werden, wenn sie auseinandergezogen werden.

Nun weiß man heute, dass die Antworten der Kinder sehr stark von der Abstraktheit der Aufgaben- bzw. Fragestellungen mit bedingt wurden. Würde man den Vorschulkindern beispielsweise anstatt Perlenreihen Reihen aus Schokoladenstücken mit der Zusatzinformation anbieten, auf diese Weise immer und überall die Menge an Süßigkeiten vermehren zu können, die Kinder würden den „Zaubertrick“ durchschauen.

Kinder sind also durchaus in der Lage, mathematische Zusammenhänge zu durchschauen, allerdings aber nur dann, wenn die Inhalte in konkreter Weise der Lebenswelt der Kinder entstammen. Nur so erfahren sie einen Sinn. Deshalb ist zu fragen, wie die Lebenswelt der Kinder unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten aussieht.

Kinder der Alterstufe von 3 bis 6 Jahren betrachten die Dinge um sich herum wesentlich stärker emotional als rational und sie haben ihre eigene, altersbedingte kognitive Erlebnis- und Denkweise. Daher kommt es, dass sie Gegenständen Gefühle, Leben und Absichten unterstellen. Die Dinge der kindlichen Umwelt sind entweder brav oder böse, freundlich oder unfreundlich, sie schauen für das Kind vertrauenerweckend oder beängstigend aus.

Kinder in diesem Alter sind außerdem vom magischen und finalistischen Denken geprägt. Dabei werden Vorgänge, die eine logische Ursache haben, als geheimnisvoll erlebt und so gedeutet, als könne man sie durch Zauberei, durch Magie und - vor allem - durch eigene Wünsche beeinflussen. Alles was geschieht hat einen bestimmten Zweck oder verfolgt eine bestimmte Absicht.

Vor diesem entwicklungspsychologischen Hintergrund kann es beim Thema „Mathematik im Kindergarten“ nicht darum gehen, Inhalte des Grundschulunterrichts in typisch „fachlich orientierter“ Manier vorwegzunehmen. Uns geht es vielmehr darum, Kindern einen altersgemäßen Zugang zur Welt der Zahlen anzubieten.

Bisherige Konzepte der mathematischen Früherziehung entwickeln ihre Ideen meist ausgehend von der Mathematik, erst danach wird nach konkreten Anwendungen in der Lebenswelt der Kinder gesucht. Es gilt, dieses Prinzip umzukehren, da die reine Mathematik eine eigene und sehr nüchterne Logik hat, welche das kindliche Denken unserer Kinder nicht berücksichtigt.

„Komm mit ins Zahlenland“ integriert deshalb ganz bewusst und sorgfältig drei Bereiche:  Erkenntnisse aus der Hirnforschung (Neurodidaktik), entwicklungspsychologische Empfehlungen für die Elementarpädagogik und Didaktik der Mathematik.  Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass das Konzept konsequent vom Kind her entwickelt wurde. Das bedeutet, es knüpft in jedem Detail daran an, was Kinder in dem Alter schon kennen, wofür sie sich interessieren und was sie bewegt.


Stand: 26.05.2006
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