Bei der
Begegnung der Vorschulkinder mit der Welt der elementaren
Mathematik bzw. der Zahlen versuchen wir ganz bewusst, die
entwicklungspsychologischen Rahmenbedingungen dieser Alterstufe zu
berücksichtigen. Bei den Zahlen selbst (wir bewegen uns im
Zahlenraum von 1 bis 10) arbeiten wir deshalb mit sogenannten
Anthropomorphismen. Darunter versteht man ganz allgemein die
Zuschreibung menschlicher Eigenschaften oder Verhaltensweisen auf
nichtmenschliche Objekte oder auch Tiere. Seit Piaget spricht man in
diesem Zusammenhang auch von Animismus. In unserem Konzept werden
gezielt konstruierte Anthropomorphismen (in Form personalisierter
Zahlenpuppen oder Zahlentiere) als didaktische Hilfsmittel eingesetzt
und in Geschichten „verpackt“.
Eine erste Geschichte erzählt
etwa von der Eins und ihrem Einhorn,
dem der freche Zahlenkobold Kuddelmuddel sein Horn gestohlen hat und
das deshalb nun ein „Keinhorn“ ist. Zum Glück gibt es die
Zahlenfee Vergissmeinnicht, die man mit einem Zauberspruch herbeirufen
kann und die alles wieder in Ordnung bringt. Oder die Geschichte der
Zahl Fünf erzählt von ihrem Geburtstag und dem
internationalen Besuch, den sie von fünf Kindern aus den fünf
Kontinenten bekommt usw.
Korrespondierend zu diesen
Zahlengeschichten arbeiten wir mit
Zahlenliedern, die sich bezüglich des Textinhaltes an diesen
Märchen orientieren, zugleich jedoch streng „mathematisch“
komponiert wurden. So singt die „Eins“ ihr Lied mit nur einem einzigen
Ton im Einertakt. Die „Zwei“ entsprechend mit zwei Tönen im 2/4
Takt, die „Drei“ liebt den Walzer und kommt mit genau drei Tönen
aus usw. (Hier gibt es Hörbeispiele)
Darüber hinaus erhält
jede Zahl von 1 bis 10 einen festen
„Wohnort“ im Gruppenraum, den wir in eine Zahlenstadt verwandeln. Dabei
geht es uns darum, der Vielfalt verschiedener Zahlbedeutungen
möglichst umfassend gerecht zu werden. Bei der Zahl Fünf
sieht dies etwa so aus: Der Zahlengarten (der konkrete „Wohnort“) der
Zahl Fünf befindet sich zwischen dem der Vier und dem der Sechs
(Ordnungsaspekt der Zahlen). Der Garten selbst ist als
regelmäßiges Fünfeck konstruiert (geometrischer Aspekt)
und kann an jeder Ecke verziert werden (Eins-zu-Eins-Zuordnung). Im
Garten befindet sich ein Haus mit fünf Fenstern (Anzahlaspekt) und
aufsteckbarer Hausnummer (Kodierungsaspekt) sowie ein Zahlenturm, mit
dessen Hilfe Zahlzerlegungen (Rechenaspekt: 1+4 oder 3+2)
veranschaulicht bzw. konstruiert werden können.
Weiter benutzen wir Bewegungen als
durchgängiges
pädagogisches oder didaktisches Prinzip, da Bewegungen den
unmittelbaren Weg zur kindlichen Welterkundung darstellen. Die Motorik
spielt nachweislich eine große Bedeutung beim Verarbeiten,
Speichern und Erinnern von Informationen. Eine besonders erfolgreiche
Methode Kindern den Ordnungsaspekt der Zahlen, also deren Reihenfolge,
erfahrbar zu machen, ist deshalb die Verwendung eines
Zahlenweges, bei dem die Bewegung der Kinder als Stützfunktion in
den mathematischen Lernprozess eingreift.
Die wichtigste Aktivität auf
dem Zahlenweg ist das Gehen auf den
Ziffern, verbunden mit lautem oder stillem Zählen. Kognitive
Leistungen werden dabei unterstützt durch Bewegung: Wo stehe ich
gerade auf dem Zahlenweg? Welche Zahl kommt vor mir und welche direkt
hinter mir? Schafft es ein Kind diese Fragen ohne Hilfe zu beantworten
– vielleicht sogar mit verbundenen Augen -, so hat es bereits ein
abstraktes Bild des sogenannten Zahlenstrahls verinnerlicht. Zwei
Schritte vorwärts entsprechen auf dem Zahlenweg einer Addition der
Zahl 2 und drei Schritte rückwärts dementsprechend einer
Subtraktion der Zahl 3. Gerade für den Zahlenweg gibt es auf sehr
spielerische Weise eine Fülle von Lernmöglichkeiten. In
unserem Projekt benutzen wir den Zahlenweg von 0 bis 20.
Das Zahlenland ist also das
pädagogische Äquivalent für
den wissenschaftlichen Begriff des Zahlenraums. Im Zahlenland sind die
Zahlen zu Hause, sie besitzen beseelte Eigenschaften und geben in
personalisierter Weise ihre mathematischen Eigenschaften kund.